Was sind Anleihen? Die Chancen und Risiken 2022

Neben Aktien und Bankprodukten sind Anleihen eine weit verbreitete Anlageform für Privatinvestor*innen.


In diesem Beitrag erfahren Sie, wie die Investitionsform genau funktioniert und welche Folgen die Corona-Krise für den Anleihenmarkt hatte.

Was sind Anleihen?

Anleihen sind Wertpapiere, die einen schuldrechtlichen Anspruch gegenüber einem Unternehmen, einem Staat, einer Stadt oder einer Gemeinde repräsentieren.

Als Käufer*In einer Anleihe gewähren Sie dem Emittenten einen Kredit und erhalten dafür das Recht auf Zinszahlungen sowie die Rückzahlung des „Nennwertes“ oder „Nominalwertes“ am Ende der Laufzeit.

Der Nennwert ist häufig der Ausgabepreis, doch in Sonderfällen können Anleihen über oder unter dem Nennwert ausgegeben werden.

Der Emittent bezahlt für seine Anleihe jährlich, halbjährlich oder vierteljährlich einen vorher festgelegten Zinssatz (sog. Kupon). Im Gegensatz zu den Dividenden bei Aktien ist die Höhe der Verzinsung unabhängig von der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens.Als Anleiheninhaber*In haben Sie keinerlei Teilhaberrechte am Unternehmen, werden aber bei einem Konkurs vor den Aktionär*Innen aus der Insolvenzmasse bedient.

Wie kauft man Anleihen?

Anleihen werden meist nicht komplett, sondern in verschieden großen Anteilen veräußert. Während einer begrenzten „Emissionsfrist“ können private und/oder institutionelle Investor*Innen die Anteile zum Ausgabepreis (meist ist das der Nominalwert) erwerben.

Einige Anleihen sind börsennotiert. Sind sie ausplatziert, können Sie die Anteile an der Börse kaufen und verkaufen. Die Preise dort werden von Angebot und Nachfrage bestimmt, so dass Sie je nach Situation mit Zuschlägen oder Abschlägen auf den Nennwert rechnen müssen.

Wenn Sie eine Anleihe nicht am Zinszahlungstermin kaufen, müssen Sie meist „Stückzinsen“ an die Verkäufer*Innen bezahlen. Dabei handelt es sich um die Zinsansprüche, die seit dem letzten Zinszahlungstermin aufgelaufen sind. Dafür erhalten Sie beim nächsten Zinszahlungstermin die volle Zinszahlung.

Bei bestimmten Brokern können Sie Anleihen in Fremdwährungen kaufen und verkaufen. Dann gehen Sie zusätzlich ein Wechselkursrisiko ein. Verliert die Währung der Anleihe gegenüber der eigenen Währung an Wert, sinken auch die Zins- und Rückzahlungssummen, die die Sie nach der Währungsumrechnung erhalten.

Andererseits haben Sie auch die Chance auf zusätzliche Gewinne, wenn ihre eigene Währung einbricht.

Anleihen, die an Kleinanleger*Innen verkauft werden können, gehen mit besonders strengen Transparenz- und Aufklärungspflichten einher. Viele Unternehmen möchten sich diesen Aufwand ersparen und emittieren Anleihen mit sechsstelligen Mindestsummen.

Um mit wenig Geld Zugang zu diesen Produkten zu bekommen, können Sie als Kleinanleger*In Rentenfonds nutzen.

Laufzeiten

Unternehmensanleihen haben in der Regel Laufzeiten zwischen drei und sieben Jahren. Staatsanleihen laufen meist zwischen sechs Monaten und dreißig Jahren, vereinzelt wurden sogar hundertjährige Staatsanleihen ausgegeben.

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Mindestanlage

Die Mindestanlagesumme hängt von der einzelnen Anleihe ab. Jede Anleihe besitzt eine „Mindeststückelung“ (Nominal), das heißt einen kleinstmöglichen Anteil, den Sie erwerben können. Das können beispielsweise 1.000 €, 10.000 €, 50.000 € oder 100.000 € sein.

Welches Zinsniveau bieten Anleihen?

Die meisten Anleihen besitzen einen festen Zinssatz (Kupon), der vor der Emission festgelegt wird. Ausschlaggebend ist das vom Markt angenommene Ausfallrisiko des Emittenten, es spielen jedoch auch andere Faktoren wie das Besicherungsniveau der Anleihe und das allgemeine Leitzinsniveau eine Rolle.

Beispielsweise gelten deutsche Staatsanleihen als besonders sicher und werden deshalb relativ niedrig verzinst. Der Zinssatz für eine zehnjährige deutsche Staatsanleihe betrug 2017 0,25 % p.a., 2021 lag der Zinssatz für alle neu aufgelegten Staatsanleihen bei 0,0 % (Quelle: Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur).

Da bonitätsstarke Anleihen an der Börse oft unter dem Nennwert gehandelt werden, müssen Sie als Käufer*In potenziell sogar negative Renditen hinnehmen.

Anleihen von bonitätsschwächeren und/oder weniger etablierten Emittenten bieten höhere Zinsen, aber auch ein gesteigertes Ausfallrisiko (Expert*Innen sprechen von „High Yield-Anleihen“ oder „Hochzinsanleihen“).

Wie berechnet man die Rendite einer Anleihe?

Bei einem Anleihenkauf an der Börse muss der Zinssatz nicht unbedingt der Rendite entsprechen. Der Börsenpreis einer Anleihe wird von Angebot und Nachfrage bestimmt und kann vom Nennwert abweichen.

Bei regulären Anleihen gilt: Wird die Anleihe über dem Nennwert gekauft, sinkt die jährliche Rendite unter den Zinssatz; wird die Anleihe unter dem Nennwert gekauft, steigt die Rendite.

Ein Beispiel: Kaufen Sie eine Anleihe mit zwei Jahren Restlaufzeit, 4 % Verzinsung p.a. und einem Nennwert von 1000 € für 1050 €, geht die Differenz von Ihrem Gewinn ab.

Am Ende erhalten Sie den Nennwert von 1000 € und insgesamt 80 € Zinsen, was 30 € Gewinn entspricht. Ihre Rendite beträgt insgesamt 2,86 % oder 1,43 % p.a. und ist damit niedriger als die Verzinsung.

Corona-Krise 2020-2022: Welche Folgen hatte sie für den Anleihenmarkt?

Zu Anfang der Krise fielen die Kurse vieler Aktien und Anleihen. Der Grund war die Furcht davor, dass durch die Lockdown-Maßnahmen Einnahmeausfälle und Insolvenzen in der Wirtschaft zunehmen könnten. Insbesondere „Hochzinsanleihen“, die generell instabil sind, verloren deutlich an Wert.

DieSituation entspannte sich, als die EZB beschloß, das das Notankaufsprogrammfür Staats- und Unternehmensanleihen um rund 500 Milliarden Euroauszuweiten. Dadurch stieg das Vertrauen in die Sicherheit von Anleihen, sodassdie Nachfragezunahm und die erzielbaren Renditen wieder sanken.

Trotzdem istwenig umstritten, dass der Druck auf viele Unternehmen gestiegen ist undStaatshilfen die Folgen der „Corona-Krise“ nicht komplett kompensieren konnten.Zwar haben sich die Insolvenzzahlen in vielen Ländern noch nicht deutlicherhöht (Stand 01/2021), doch wird vor einer drohenden Insolvenzwellegewarnt.

InDeutschland meldeten2020 rund 17.000 Unternehmen Insolvenz an, was rund 9 Prozent weniger sindals im Vorjahr. Der Informationsdienst der deutschen Wirtschaft rechnet jedochdamit, dass durch die Aussetzung der Insolvenzpflicht rund 4.500„Zombieunternehmen“ entstanden sind, die wirtschaftlich nichtüberlebensfähig sind.

2021 fielen die Insolvenzzahlen weiter. Trotzdem halten die Warnungen vor einer drohenden Insolvenzwelle an. So geht das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung davon aus, dass sich bis zu 25.000 Insolvenzen „aufgestaut“ haben. Durch die steigende Inflation und Lieferkettenprobleme könnte es spätestens im zweiten Halbjahr 2022 zu einer deutlichen Zunahme bei den Insolvenzzahlen kommen.

Betroffen sein sollen vor allem kleine Unternehmen, die generell keine Anleihen emittieren.


Als Anleger*In gehen mit Unternehmensanleihen derzeit also höhere Risiken ein als vor der Pandemie; wie groß diese sind, ist noch nicht klar. Es gilt einmal mehr das Gesetz, dass eine breite Risikostreuung wichtig für den Anlageerfolg ist.

Welche Kosten haben Anleihen?

Bei einer Anleihe können mehrere Kostenpunkte anfallen:

  • Börsengehandelte Anleihen können Sie nur mit einem Wertpapierdepot kaufen,für welches möglicherweise Verwaltungskosten anfallen.
  • Wenn Sie eine Anleihe an der Börse kaufen oder verkaufen, fallen in derRegel Handelskosten an.
  • In seltenen Fällen werden Anleihen über dem Nennwert emittiert. In diesem Fall zahlen Sie als Erstkäufer*In effektiv einen Ausgabeaufschlag.

Exkurs: Exotische Anleihen-Varianten

Nicht alle Anleihen sind gleich konstruiert. Folgende Anleihentypen funktionieren nach eigenen Prinzipien und besitzen daher ein anderes Chancen-Risiko-Profil als reguläre Anleihen:

Wandelanleihen können während einer festgelegten Frist in einem festgesetzten Verhältnis in Aktien umgetauscht werden. In der Regel liegt die Entscheidung bei Ihnen als Anleiheninhaber*In, in manchen Fällen jedoch beim Unternehmen (bei sogenannten „umgekehrten Wandelanleihen“). Wandelanleihen besitzen meist eine niedrigere Verzinsung als reguläre Anleihen und bieten Ihnen dafür die Chance, bei einem steigenden Aktienkurs des Unternehmens zusätzlich zu profitieren.

Contingent Convertible Bonds (CoCo Bonds) werden beim Eintreten von festgelegten „Auslöserereignissen“ automatisch in Aktien umgewandelt. Der Auslöser kann beispielsweise sein, dass der Aktienkurs oder die Eigenkapitalquote des Unternehmens einen bestimmten Wert unterschreiten. Auch wenn dieses Ereignis nicht eintritt, können die Zins-oder Rückzahlungen im Falle einer wirtschaftlichen Schieflage ausgesetzt werden.

Contingent Convertible Bonds sind ein sehr komplexes Produkt und bringen kaum kalkulierbare Risiken mit sich, weshalb die Finanzaufsicht BaFin Privatanleger*innen vor ihnen warnt.

Hybridanleihen (nachrangige Anleihen) sind Fremdkapital mit eigenkapitalähnlichen Eigenschaften, was dem Emittenten beispielsweise bilanzielle Vorteile bringen kann. Als Inhaber*In von Hybridanleihen werden Ihre Ansprüche im Insolvenzfall nach den regulären Anleihen und anderem Fremdkapital, aber vor den Aktionär*Innen bedient. Eventuell können auch Zinszahlungen ausgesetzt werden, wenn das Unternehmen sich in wirtschaftlicher Schieflage befindet. Hybridanleihen gehen mit einem höheren Risiko als reguläre Anleihen einher und werden dafür besser verzinst.

Zerobonds (Null-Kupon-Anleihen) werden nicht laufend verzinst. Sie werden häufig unter dem Nennwert ausgegeben, sodass Sie als Inhaber*In bei der Rückzahlung des Nennwertes eine Rendite erzielen. Diese Form der Anleihe bietet zusätzliche Planbarkeit, Sie sie bis zu Ende halten möchten. Bei einem vorzeitigen Verkauf können sie mit Verlusten einhergehen. Die endfällige Rendite bringt den Vorteil, dass Sie sich regelmäßig nicht um die Wiederanlage der Zinsen kümmern müssen. Sie kommt fällt jedoch „gebündelt“ in einem Jahr an und kann somit schneller den Steuerfreibetrag überschreiten als jährliche Zinszahlungen.

Floating Rate Notes (Floater) haben einen variablen Zinssatz, der zu festgelegten Zeitpunkten an einen festgelegten Referenzindex angepasst wird (beispielsweise EURIBOR oder LIBOR). Eine Bindung an den Verbraucherpreisindex kann inflationsbedingten Kaufkraftverlusten entgegenwirken. Mit einer Bindung an einen Leitzinssatz können Sie auf ein steigendes Zinsniveau spekulieren. Bewegt dieses sich unerwartet nach unten, sinkt auch die Verzinsung der Anleihe.

Welche Risiken haben Anleihen?

Es besteht das Risiko, dass der Emittent seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr oder nicht fristgerecht nachkommt.

Muss der Emittent einer Anleihe Insolvenz anmelden, werden Anleihen in der Regel nach Bankdarlehen, aber vor sonstigen Verbindlichkeiten und Nachrangdarlehen bedient.

Ist nicht genügend Insolvenzmasse vorhanden, können Sie Verluste bis hin zum Totalausfall erleiden. Eine Einlagensicherung für Anleihen gibt es nicht.

Die wichtigsten Fakten auf einen Blick

Mindest­anlage­summeDie Mindeststückelungen sind von Anleihe zu Anleihe unterschiedlich. Staatsanleihen haben häufig die kleinsten Stückelungen und können teilweise schon für einen Cent erworben werden.

Zinsen

Die erreichbaren Anleihenzinsen hängen v.a. von der Laufzeit und dem Ausfallrisiko des Emittenten ab.

Ge­bührenAnleihen an sich haben keine Laufenden kosten, doch fallen eventuell Handelskosten und Kosten für das Wertpapierportfolio an.

Lauf­zeitenUnternehmensanleihen: I.d.R. 3 - 7 Jahre
Staatanleihen: I.d.R. 6 Monate - 30 Jahre

Sicher­heitenEs gibt keine Einlagensicherung für Anleihen. Anleihen können z.B. mit Grundschulden oder „Negativklauseln“ (Vereinbarungen darüber, dass weitere Verbindlichkeiten nur unter bestimmten Bedingungen aufgenommen werden dürfen) besichert werden.


Wie können Anleger*Innen zwischen verfügbaren Anleihen vergleichen?

Online-Portale bieten die Möglichkeit, verschiedene Kennzahlen zu Anleihen abzurufen:

Eine Möglichkeit, mehr über das Risiko einer Anleihe zu erfahren, sind „Ratings“.

Ratingagenturen bewerten die Ausfallwahrscheinlichkeit einer Anleihe auf Basis von statistischen Modellen. Die Agenturen verwenden leicht unterschiedliche Skalen, die jedoch meist von AAA (höchste Bonität) bis D (Zahlungsausfall bereits eingetreten) reichen.

Ratings spielen für institutionelle Investoren eine große Rolle, weil diese häufig nur in Anleihen mit bestimmten Ratingklassen investieren dürfen. Meist sind die Ergebnisse auch für Sie als Privatanleger*In zugänglich.

Beim Vergleich gilt: Auch erstklassige Ratings bedeuten keine komplette Ausfallsicherheit. Ratings sollen keine „absoluten“ Wahrscheinlichkeiten prognostizieren, sondern lediglich das Ausfallrisiko eines Angebots im Vergleich zu anderen Angeboten der gleichen Gattung abbilden.

Des Weiteren besteht ein bestimmtes Maß an Prognoseunsicherheit und es können Interessenkonflikte bei der Bewertung auftreten, da meist der Emittent der Anleihe das Rating bezahlt.

Zusammenfassung: Das Chancen-Risiko-Profil

Chancen

  • Börsennotierte Anleihen sind börsentäglich veräußerbar
  • Anders als Dividenden sind Anleihezinsen nicht vom wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens abhängig
  • Als Anleiheninhaber*In werden Sie in der Regel vor den Aktionär*Innen bedient,wenn ein Unternehmen in Konkurs geht

Risken

  • Anleihenzinsen schlagen teilweise die Inflation nicht. Sie erleiden mitniedrig verzinsten Anleihen effektiv Kaufkraftverluste
  • Bei Fremdwährungsanleihen besteht ein Wechselkursrisiko. Verliert die Währung der Anleihe gegenüber der eigenen Währung an Wert, machen Sie dadurch Verluste
  • Bei Insolvenz des Emittenten besteht das Risiko eines teilweisen oder kompletten Verlustes des eingesetzten Vermögens

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